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Im Dialog bleiben

Doris Däpp hat das Konzept für den Baustellenverkehr entwickelt. Ihren Alltag prägt nun, was sie «fein justieren» nennt. Das Interview.

Doris Däpp, vor fünf Monaten haben die Bauarbeiten begonnen. Wie viele Male mussten Sie Ihr Konzept zur Verkehrserschliessung der Baustelle schon anpassen?

Es gab im Vorfeld eine längere Planungsphase mit Bauherrschaft, Behördenvertretern von Stadt, Kanton und Bund, Bernmobil und Quartier-Organisationen. Wir haben versucht, der ausführenden Baufirma, die damals noch gar nicht bekannt war, Optionen offenzulassen. Im Grossen und Ganzen läuft es gut. Aber es ist auch noch nicht die intensivste Zeit für den Baustellenverkehr. Ob’s verhebt, sehen wir erst, wenn ab Juli die Baugrube ausgehoben wird und der Aushub abtransportiert werden muss. Wir haben das Glück, dass wir im Verlauf der Rückbauarbeiten die Verkehrsflüsse gut beobachten können. Wir passen seit Ende Januar ständig an, optimieren und hinterfragen situativ.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Es war angedacht, die Zufahrt zu der Baustelle so zu organisieren: Anfahrt entlang der Nordseite vom Stadion Wankdorf über die Sempachstrasse, abbiegen nach links in den Baustellenperimeter, überwiegend wegfahren nach rechts über die Papiermühlestrasse. Nun wird klar, dass diese Ausfahrt nicht für jeden Fall und für jedes Fahrzeug die naheliegendste Lösung ist, weil auf der Papiermühlestrasse mehrere Aspekte berücksichtigt werden müssen – Wegfahrt gemäss Auflage des Kantons nur ausserhalb der Spitzenzeiten des Berufsverkehrs, Tramverkehr, links abbiegen ist verboten, rechts abbiegen bedeutet einen längeren Weg zur Autobahn. Wie die Verkehrsdienste auf der Sempachstrasse ideal eingesetzt werden können, testen wir regelmässig aus und versuchen, mit den Quartiervertretungen eine gute Lösung zu erzielen.

Was ist dort das Thema?

Im Teilabschnitt der Sempachstrasse auf Höhe des Stadions haben wir die Polleranlage dauerhaft abgesenkt und den Streckenabschnitt mit Fahrverbot belegt, Ausnahmen gelten für berechtigte Anwohner und den Baustellenverkehr. Nun gibt es immer wieder Autofahrer, die denken: Ist praktisch, ist der kürzeste Weg, ich fahre schnell durch. Und am Ende des Abschnittes sagen sie zu den Verkehrsdiensten dann: «Jetzt lohnt es sich nicht mehr umzukehren, lass mich doch schnell durch …»

Welche Aufgabe hat der Verkehrsdienst?

Die Hauptaufgabe ist, die schwachen Verkehrsteilnehmer zu schützen – also Kinder, Velofahrer, Fussgänger. Ausserdem regeln sie den Baustellenverkehr mit dem Ziel, den übrigen Verkehr so gering wie möglich zu beeinträchtigen. Auf dem Streckenabschnitt gibt es viel zu beachten: Kinder der benachbarten Schule und vom Kindergarten queren. Velofahrer, die aus dem Wankdorf Center kommen, fädeln oft in grossem Tempo in den Strassenverkehr ein, an der Kehrrichtsammelstelle parken Autos, es gibt Fussgänger. Die Verkehrsdienste können die Lenker von Fahrzeugen, die unberechtigterweise in den Fahrverbotszonen fahren, zurechtweisen. Das gilt vor allem auf der Sempachstrasse. Und sie schauen darauf, dass ausserhalb des Baustellenperimeters keine langen Rückstaus entstehen.

Da ist sehr viel zu beachten. Was heisst das zum Beispiel für die Situation an der Polleranlage?

Wir sind auf die Argumente der Quartiervertretungen eingegangen und haben testweise einen Verkehrsdienst an die Polleranlage positioniert, damit er jedes Mal, wenn ein Lkw kommt, die Poller absenken und nach dem Durchfahren direkt wieder hochfahren kann. Er hat also geschaut, dass das Fahrverbot eingehalten wird. Langfristig, für die nächsten sechs Jahre, ist das jedoch keine Lösung. Also haben wir mit Quartiervertretern und der Stadt Bern als Eigentümerin dieser Strasse nach anderen Lösungen gesucht und auch eine gefunden. Es ist vorgesehen, die Poller mit einem Sender auszustatten. Dies ermöglicht den Chauffeuren, die Anlage über eine Fernbedienung künftig selbstständig zu bedienen.

Sie bezeichnen sich auch als Vermittlerin zwischen Bauherrschaft, Anwohnern und Firmen auf der Baustelle. Sie nehmen Kritik ernst und erarbeiten gemeinsam mit allen Beteiligten Lösungen. Gibt das gute Kompromisse?

Ja, eigentlich sehr, wie auch das vorangehende Beispiel zeigt. Wir haben im Vorfeld viele Gespräche geführt und tun das auch in den nächsten Jahren. Dialog ist normal. Unsere Konzepte müssen flexibel funktionieren. Wir sind mit einer anderen Schwierigkeit konfrontiert. Die Quartiervertretungen beteiligen sich engagiert am Austausch und kennen damit Hintergründe und Zwänge. Die Mehrheit der Menschen im Quartier hat jedoch keinen tiefen Einblick in die Abwägungsprozesse und Kompromisse. An einem Tag steht da ein Verkehrsdienst, am anderen Tag ist er wieder weg – wieso ist das so?, fragen sie sich dann. Mit Ausprobieren und Testbetrieb kann man stimmige Lösungen finden. Es muss aber nicht heissen, dass die aktuell beste Lösung auch in einem halben Jahr noch zweckmässig ist. Darum versuchen wir, agil zu bleiben und zu reagieren.

Gleichzeitig findet ein aktives Monitoring der Verkehrsflüsse statt. Wieso?

Um diese Zweckmässigkeit zu prüfen, brauchen wir Vergleichswerte. Damit wir eine Kontrolle über das Verkehrsaufkommen haben, zählen die Verkehrsdienste die Lastwagen. Ihre Rapporte werden regelmässig an den Bausitzungen thematisiert. Geplant ist auch, mit einer Videokamera die Ausfahrtssituation auf die Papiermühlestrasse zu dokumentieren. Solche Massnahmen helfen, detailliert zu verstehen, wie, wann und in welchem Umfang der Verkehr fliesst – dies unter Berücksichtigung von Homeoffice, Ferienzeit, Wochentagen, Wetter.

Sie haben ursprünglich für die Verkehrserschliessung sechs Varianten erarbeitet. Woran orientieren Sie sich?

Am Anfang sammeln wir Informationen von allen Beteiligten: Kanton, Stadt Bern, Bernmobil, Polizei, Vertreter Wankdorf Center, Anwohner, Schul- und Quartiervertreter. Unsere Planung muss nicht nur den Verkehr organisieren, sondern auch für Blaulichtorganisationen wie Feuerwehr, Polizei, Notfallärzte tauglich sein. Als wir mit der Planung begonnen haben, fanden zum Beispiel auch noch Grossanlässe im Stadion statt, die wir zu berücksichtigen hatten. Wir haben schnell gemerkt: Am besten wäre es, das alte Gebäude mit einem Helikopter wegzufliegen und das Neue hinzufliegen.

Wie meinen Sie das?

Die Situation vor Ort ist sehr beengt. Dort stehen, bis nah an die Baugrube, die Gebäude anderer Firmen und Organisationen wie CSL Behring, Bundesbehörden sowie ein Bildungszentrum. Dort arbeiten Menschen, sie kommen zu Fuss, per ÖV oder mit dem eigenen Pkw. In der Nähe sind ein Spielplatz, ein Kindergarten, Schulen, das Einkaufszentrum und das Stadion. All dies sind sehr sensible Umstände. Nachdem alle Beteiligten ihre Rahmenbedingungen genannt haben, versuche ich, daraus ein tragfähiges Konzept zu machen.

Im Dialog muss auch jeder bereit sein, Kompromisse zu machen?

Genau. Wir haben Lösungen gefunden, mit denen wir versuchen, das Quartier so wenig wie möglich zu belasten. Der Baustellenverkehr kann vom übergeordneten Netz der Kantonsstrassen auf die Achse Winkelriedstrasse – Sempachstrasse – Baustelle fahren. Der Strassenbereich am Stadion ist eine Mischfläche. Dort verkehren Fussgänger, Velofahrer und einzelne Pkw und man nimmt – weil man es so gewohnt ist – aufeinander Rück-sicht. Die Situation haben wir aufgegriffen und einen leichten Eingriff gemacht, auf den die Lkw-Fahrer achten müssen: eine orange Fahrbahn-Markierung am Boden. Ausserdem haben wir den Verkehr von 30 auf 20 km/h reduziert – das gilt für alle. Es war uns wichtig, das flexible Miteinander nicht grundlegend einzuschränken.

Und welche Rolle spielt die Papiermühlestrasse in Ihrem Szenario?

Sie wird in einem behördenseitig vorgegebenen Zeitfenster zwischen 8:30 und 16:30 Uhr von grossen Fahrzeugen zur Ausfahrt genutzt, die auf der Baustelle nicht wenden können.

Wir sprechen über Verkehr, hinzu kommen aber auch Sicherheitsaspekte …

… die manchmal, weil sie so selbstverständlich sind, fast nicht mehr beachtet werden.

Welche sind das?

Die Feuerwehrzufahrten. Wir haben mit Feuerwehr und Polizei die Fluchtwege besprochen. Nicht nur für die Baustelle, sondern auch für die Nachbargebäude und für das Stadion. Die Durchfahrt zwischen Bauzaun und bwd Bildungszentrum ist zum Beispiel eine Haupteinfahrt für die Feuerwehr.

Wie beziehen Sie ökologische Aspekte oder ressourcenschonende Massnahmen in Ihre Arbeit ein?

Ein wichtiger Aspekt ist, die Zufahrtswege zur und von der Baustelle kurz zu halten und möglichst den Verkehr nicht durch Wohngebiete zu leiten. Wir konnten hier darauf verzichten, eine separate Zufahrt einzurichten und stattdessen das bestehende Strassennetz nutzen. Und um die Wurzeln der Baumgruppen nicht zu beschädigen, haben wir auf der Sempachstrasse nur Absperrgitter gestellt.

Wie ist die Resonanz bislang?

Aus den bisherigen Rückmeldungen darf ich ableiten – es funktioniert gut.

Was macht Ihnen an Ihrem Beruf immer wieder Freude?

Die Vielfältigkeit. Kein Projekt ist gleich. Ich entwickle jeden Tag Lösungen. Die Leute fahren über eine Strasse oder in einen Verkehrskreisel und wissen gar nicht, was ich mir dabei alles überlegt habe. Mir entspricht das. Nicht im Rampenlicht stehen, aber etwas Gutes leisten.

06 d bulletin 2 man sieht nicht was ich mir alles dabei gedacht habe impressionen 1
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