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Alles im grünen Bereich?

Testen, was hoffentlich nie gebraucht wird: die Brandschutzanlagen von Alarm über Rauchabzug bis Evakuierung. Grundlage dafür ist die Brandfallsteuermatrix. Sie regelt das Zusammenspiel der technischen Einrichtungen wie Lüftungsanlagen, Aufzüge oder Brandschutztüren im Gebäude, um die Sicherheit im Brandfall zu gewährleisten. Wie läuft ein Integraler Test ab, ohne den kein Gebäude in Betrieb genommen werden darf?

Elena Sinzig und Fabian Bütikofer haben sich einen Tisch ins Atrium geschoben, ein Laptop aufgeklappt, daneben das Funkgerät und eine Flasche Wasser. Fertig ist die temporäre Kontrollzentrale und klar definiert der Treffpunkt für diesen Tag. Rund 25 Personen sind zu informieren, koordinieren und im Rahmen der geplanten Brandfallszenarien zu führen. Bütikofer, gelernter Elektromonteur und Teamleiter Technischer Brandschutz bei Amstein+Walthert, leitet diesen Testtag. Elena Sinzig, «Stromerin», wie sie sagt, und Junior Projektleiterin technischer Brandschutz, ist seine Stellvertreterin. Während Bütikofer über das Funkgerät mit allen Testpersonen im Haus kommuniziert, wird Sinzig auf ihrem Bildschirm in Echtzeit die online Rückmeldungen der Testpersonen verfolgen und Chatnachrichten mit Einzelanweisungen an die Gruppe senden.

Der Integrale Test folgt einem klaren Drehbuch. Jeder kennt nach der Einsatzbesprechung seine Aufgabe, alle haben die Test-Anwendung installiert, nun warten sie auf Fabian Bütikofers Ansagen. «Ziel der für heute definierten sechs Testszenarien ist es, die gewerksübergreifende Funktionalität aller Systeme wie Elektro, Gebäudeautomation und Sicherheitsanlagen im Brandfall zu prüfen und die Betriebssicherheit zu testen», so Fabian Bütikofer. Also – sind die Fahrstühle im Brandfall nicht mehr zu betreten und fahren sie gemäss Programmierung ins 1. Untergeschoss? Öffnen sich die maschinell gesteuerten Entrauchungsanlagen im Treppenhaus und im Atrium? Gehen Eingangstüren auf oder Brandschutzklappen zu, funktionieren die brandfallgesteuerten Brandschutztüren in den jeweiligen Brandabschnitten?

Integraltest Impressionen Lagebesprechung
Integraltest Impressionen Roland Mueller
Integraltest Impressionen Gesamtleiterin
Zwischen Feuer und Verantwortung

Testszenarien, die im Ernstfall reibungslos funktionieren müssen, um «Risiko- und Schadenpotenzial zu reduzieren». Das heisst: Möglichst niemand soll verletzt werden oder gar sterben und der Brandherd schnell auf einen Brandabschnitt eingegrenzt werden. Ohne Schutzmechanismen besteht die Gefahr, dass sich ein Feuer ungehindert ausbreitet. 

Ist der Testtag erfolgreich und wurden allfällige Mängel im Nachgang behoben, dann sind «die Anforderungen gegenüber der Bauherrschaft, den Behörden und dem zukünftigen Gebäudebetreiber für eine sichere Nutzung erfüllt», so Bütikofer. 

Ohne diese Überprüfung der funktionalen Sicherheit des Gesamtsystems, darf kein neu errichtetes Gebäude in Betrieb genommen werden. Daher ist der 17. März 2026 ein ziemlich wichtiger Meilenstein für die Planer und die ausführenden Unternehmen. Doch von Nervosität keine Spur; eher konzentrierte Anspannung. Testvorbereitungen und Funkkontrolle sind abgeschlossen. 9 Uhr, Szenario 1, Dauer zirka 45 Minuten: «Aktivierung Sprinkleralarm über Alarmventil im 1. UG Lager und zusätzliche manuelle Aktivierung vom Evakuationsalarm in der Loge».

Testperson 5C steht in dieser Loge im Eingangsbereich. Hier werden sich Besucher anmelden, Gäste ihre Besucherausweise zurückgeben. Die Loge ist erster Kontaktpunkt nach dem Betreten des Gebäudes. «Hier arbeite ich ab dem Herbst», sagt 5C, die als Corine Hofmann, Sicherheitsassistentin fedpol beim Bundessicherheitsdienst ist. Sie wirkt fröhlich und souverän. Schon beim Integralen Test der ersten Etappe hat sie mitgewirkt und weiss, wie es läuft. Ihr Arbeitsplatz, von dem aus sie zukünftig das Sicherheitssystem überwachen wird, ist noch nicht fertig. Aber sie kann die eingehenden Alarme auf dem Brandmelde- oder Einbruchmeldedisplay an der Wand ablesen und reagieren. Im Brandfall ist ihre Aufgabe schwierig und verantwortungsvoll: «Wir informieren den Sicherheitsdienst. Und wir sorgen dafür, dass alle gut aus dem Gebäude kommen.»

Integraltest Impressionen Pruefungsszenario
Integraltest Impressionen Beobachterin
Kontrollinstanz Gebäudeversicherung

Nicht als Testperson, sondern als Beobachter ist Lars Lyhme vor Ort. Er macht am späteren Vormittag im Sitzungszimmer im Erdgeschoss eine Pause, nachdem das Brandszenario in der Einstellhalle im 2. UG mit Brandalarm abgeschlossen worden ist. «Ich schaue mir heute an, ob es gut läuft,» so Lyhme, der als Brandschutzexperte in der Fachstelle Brandschutz bei der Gebäudeversicherung Bern arbeitet. Die Organisation hat den kantonalen Auftrag, den Brandschutz im Kanton sicherzustellen. Sein Vorgänger habe im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens (2021) den Fachbericht Brandschutz geschrieben, der in die Planung und Umsetzung eingeflossen ist. Er lächelt, weil er sich entspannt anschauen kann, ob es gut läuft. «Ich werde nur noch eingebunden, wenn Mängel auftreten, die geklärt werden müssen», sagt er. Und schon nimmt ihn die zuständige Brandschutzplanerin Rebekka Flühmann zum nächsten Szenario mit. 

Zurück in der Kontrollzentrale. Elena Sinzig sitzt konzentriert, die linke Hand am Funkgerät und die rechte auf der Computermaus. Sie hört die Funksprüche und scrollt gleichzeitig durch das Verlaufsprotokoll auf ihrem Bildschirm, wo sie in Echtzeit Fragen und Rückmeldungen der Testpersonen lesen kann. Für diesen Integralen Test nutzt das Team eine digitale Anwendung, die nicht nur die Szenarien Schritt für Schritt abbildet, sondern auch die Rückmeldungen. Bis vor kurzem mussten bei diesen Tests zunächst hunderte Seiten Testprotokolle ausgewertet werden. Heute gleicht das System während des Testtages die Rückmeldungen der Prüfer mit der Brandfallsteuermatrix ab. 

Die Matrix stellt als gewerkübergreifendes Planungsinstrument sicher, dass komplexe Systeme im Ernstfall korrekt miteinander reagieren und die Schnittstellen zwischen Elektroinstallationen, Gebäudetechnik und Sicherheitsanlagen funktionieren. Für Gebäude D ist die Brandfallsteuermatrix im Planungsablauf und in der Bauausführung immer weiter detailliert worden. Schon 2021 gab es ein grobes Drehbuch für den Integralen Test, das seitdem immer weiter verfeinert wurde.

Integraltest Impressionen Displayansicht
Integraltest Impressionen Andreas Bischoff
Integraltest Impressionen Chat
Integraltest Impressionen Fachfrau
Bodenständig professionell

Kaum einer dürfte das Gebäude so gut kennen, wie Reto Bianchi, Prüfer 5D. Sein Team und er von Elektro Burkhalter haben in den letzten Jahren die Elektroinstallation im Gebäude montiert. Mit einem kleinen Team wird er noch bis im Sommer weiterarbeiten. «Unsere Jungs haben einen Beitrag dazu geleistet, dass das Zusammenspiel funktioniert und die Prüfergebnisse positiv sein können». Und wie er das so sagt, als er durch die Eingangshalle auf die Kontrollzentrale zugeht, klingt leise Stolz durch. Eitelkeit ist nicht seine Sache, dazu wirkt er viel zu pragmatisch. Eher Verbundenheit mit dem Team, bodenständige Professionalität und der Wille zu guten Ergebnissen. Mehr als drei Jahre hat er jeden Tag im Gebäude gearbeitet. Sein Ding sei, mit der Baustelle zu wachsen. Er mache das jetzt seit 35 Jahren und die Teams bilden sich immer wieder neu. «Es macht die Sache interessant mit den Menschen zusammen zu arbeiten und sich immer wieder neu zu finden». (Zum Thema Strom)

Vollständig und wahrheitsgetreu

Etwas später steht er im 1. Stock, öffnet eine graue Tür, schaut auf die Edelstahlklappe der Papierabwurfanlage und tippt auf der App: ok. Die Kontrollleuchte ist wieder grün, das System zurück im Normalzustand. Im Brandfall kann die Klappe nicht mehr geöffnet werden, um Brandbeschleunigung durch Kamineffekte zu verhindern.

Der Integraltest ist ein Test, aber auch der Beweis für gewerkübergreifendes Arbeiten mit dem Ziel, ein funktionierendes Bauwerk bereit zu stellen. Gegen 14.30 Uhr, eine Stunde früher als geplant, schaut Fabian Bütikofer im Sitzungszimmer in die Runde. Die Tester haben ihre Funkgeräte zurückgegeben. Ihre Rückmeldungen über die App abgeschlossen und sich auf den Anwesenheitslisten mit Unterschrift ausgetragen. Die Kommandozentrale im Atrium ist aufgelöst. «Ich kann zusammenfassen», sagt der Testleiter, «dass die gewerksübergreifende Funktionalität gegeben ist. Ich danke Euch für den Einsatz».

Integraltest Impressionen Lueftungskomponente
Integraltest Impressionen Glasdach
Integraltest Impressionen Papierabwurfanlage

Die Testleitung ist darauf angewiesen, dass die beteiligten Prüfpersonen ihre jeweiligen Prüfpunkte vollständig und wahrheitsgetreu ausfüllen. Es gebe einzelne Mängel, die zu beheben seien. «Wenn wir Mängel haben, müssen wir die aufdecken. Das ist immer mein Ziel», so Bütikofer. Komponenten der Rauch-Wärmeabzugs-Anlage im Atrium funktionieren noch nicht richtig; bei einer Brandfallsteuerung muss die Programmierung angepasst werden; der Warenlift fährt nach Netzausfall nicht mehr. Mit Unterstützung von Elena Sinzig wird er nun die Dokumentation des Tests zusammenstellen. 

Dazu gehören alle Informationen zum Test selbst, die Ergebnisprotokolle, alle technischen Dokumente aus dem Leitsystem und der Brandmeldeanlage. Die Digitalisierung des gesamten Testprozesses hilft hierbei, effizient und ohne Zeitverlust. Das System kann Mängellisten generieren, in der Testelemente und Probleme zusammengefasst sind. Diese Mängelliste muss anschliessend analysiert werden und mit Lösungsmöglichkeiten, verantwortlichen Planer und Unternehmen sowie dem jeweiligen Termin für die Erledigung ergänzt werden. Die ermittelten Mängel sollen in den nächsten zwei Wochen behoben werden. Das Gebäude sei «erstaunlich fertig und bald zur Übergabe bereit».

Integraltest Impressionen Pruefverfahren
Integraltest Impressionen Besprechung

D-Bulletin Nº 10 – 2026, Zusammenarbeitskultur

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