«Wie können wir bauen, was wir bauen wollen?»

Claudia Moser und Christophe Sion sind als Ingenieure auf der Baustelle die Koordinierungsstelle zwischen Planungsbüro und ausführenden Firmen. Ein Gespräch darüber, was aktuell den Tiefbau prägt und was ihr wichtigstes Ziel ist.

Frau Moser, Herr Sion, in unseren Gesprächen zum Thema Baugrube fällt immer wieder das Wort «komplex». Was macht diese Baugrube zu einer Herausforderung?

Claudia Moser (CM): Es passierten, vor allem anfangs, viele Arbeiten gleichzeitig: Abbruch bestehender Gebäude, Bohrpfahlwand erstellen, Bohrungen für die Felsanker und Jetting-Arbeiten. Sie brauchen, je nach benutzten Maschinen, jeweils mehr oder weniger Platz. Wir mussten sehr genau planen, welchen Arbeitsschritt wir wann umsetzen. Rund um die Baugrube haben wir durch die enge Bebauung wenig Platz.


Christophe Sion (CS): Bei anderen Infrastrukturprojekten würden die Arbeiten nacheinander, nach Bauphasen gestaffelt stattfinden. Zuerst würden wir alles zurückbauen – Gebäude, Untergeschoss, Bodenplatte. Danach würden wir den Baugrubenabschluss angehen mit dem Ziel, die Baugrube abzudichten und das Grundwasser abzusenken. Das sind unsere zwei grossen Meilensteine. Hier sind wir aufgrund der Platzverhältnisse gezwungen, anders zu denken.


Es gibt viele Abhängigkeiten?

CS: Wir nutzten die Bodenplatte, die später zurückgebaut wird, als stabilen Untergrund für die Jetting-Maschine. Darauf konnten wir ausserdem die beiden Absetzbecken und die Container zur Herstellung des Zement-Gemischs aufstellen. Auf der Nordseite der Grube ist der Korridor zur hölzernen Bauwand mit vier Metern so eng, dass der Beton gar nicht angeliefert werden könnte, wenn die grosse Bohrmaschine dort bohren würde. Wir haben also zeitweilig die Decke vom alten Untergeschoss als Trasse genutzt.


In der Tiefbauphase «Baugrube» denkt man zunächst nicht an Arbeiten im Millimeterbereich. Und doch wird so genau gearbeitet. Warum?

CM: Ein gutes Beispiel ist der Baugrubenabschluss. Für die grossen Bohrpfähle muss senkrecht gebohrt werden, damit der Beton auch an der richtigen Stelle eingefüllt werden kann. Die Pfähle überlappen sich jeweils um 15 Zentimeter. Wenn die Bohrung mit 1 Prozent Abweichung beginnt, ist in 18 Metern Tiefe die notwendige Überlappung nicht mehr gegeben. Die Baugrube wird nicht dicht.


Wie wird das kontrolliert?

CS: Der Unternehmer kann es messen. Wir haben für den Bohransatz eine Schablone erstellt, damit Bohrer und Bohrrohr bei jedem Bohrvorgang leichter an der richtigen Stelle angesetzt werden können. Ausserdem kontrollieren die Mitarbeiter der Bohrequipe die Vertikalität, den Winkel der Bohrstange manuell mit der Wasserwaage.


Die Arbeiten zum Baugrubenabschluss finden in der Erde statt. Die Arbeiter sehen nicht, was im Boden ist beziehungsweise passiert. Wie setzen Sie Leitplanken, damit Sie sicher sagen können: «Es läuft gut?»

CS: Die Qualitätssicherung ist extrem wichtig. Vorab haben wir Versuchsbohrungen gemacht, um die Ergebnisse zu sehen. Jeder einzelne Pfahl ist berechnet. Wir sprechen regelmässig mit dem Maschinisten. Wir kontrollieren die Bohrprotokolle. Hat die Bohrequipe bei ihrer Arbeit den Fels da angetroffen, wo wir ihn erwartet haben?


CM: Für die Jetting-Arbeiten wurden Versuche gemacht, damit wir den Durchmesser für die Jetting-Säulen bestimmen können. Je nach Boden sind sie auf jeder Baustelle anders. Solche Anhaltspunkte sind wichtig, damit der Unternehmer seine Arbeit planen und die grossen Maschinen kalibrieren kann.


CS: Wenn wir im Baugrund arbeiten, ist es zwingend, dass Bodengutachten vorliegen. Wir berücksichtigen hier auch, was wir aus der vorherigen Bauetappe wissen: Baugrund, Grundwasserstand, wo der Fels ist. Natürlich können wir nicht ausschliessen, dass es unterschiedliche Felshöhen gibt, auf die es keine Hinweise gab. Dann merkt der Maschinist das bei seiner Arbeit und wird uns informieren. Wenn sie bohren, auf der von uns vordefinierten Tiefe nichts ist und tiefer gebohrt werden muss, dokumentieren wir das gemeinsam. Das bedeutet nämlich auch: Wir brauchen einen längeren Bewehrungskorb. Momentan haben wir 17 Meter lange Körbe vorgefertigt. Umgekehrt kann sein, dass der Fels höher liegt und wir die Bohrung gar nicht so tief wie ursprünglich geplant ausführen müssen. Die für uns grösste Unsicherheit ist: Wird die Baugrube dicht? Wir haben sie beim Unternehmer dicht bestellt. Wir haben alle Randbedingungen erfüllt, damit sie dicht werden kann. Aber es kann nicht ausgeschlossen werden, dass irgendwo in der Erde schlechtes Material ist und der Bohrpfahl nicht die geforderte Qualität erreicht.


Was ist im Moment der interessanteste Bereich auf der Baustelle?

CM: Die Jetting-Arbeiten. Diese Arbeitsgattung begegnet mir zum ersten Mal auf einer Baustelle – obwohl ich schon 12 Jahre im Beruf arbeite. Wir sprechen viel mit den Mitarbeitern von der Westschweizer Firma Sif, die die Arbeiten ausführt. Sie erklären uns im Detail, wie die Maschinen und das Verfahren funktionieren. Das ist sehr lehrreich und wir können das Wissen in der Zukunft in anderen Projekten anwenden. Wir haben zum Beispiel nicht voraussehen können, dass sich durch den diesjährigen hohen Grundwasserstand viel Wasser mit dem Spoil, dem Rückflussmaterial, durchmischt. Wir hatten daher nicht genügend Volumen in den Absetzbecken eingeplant, um diesen Spoil zu lagern. Auch die Maschinisten waren überrascht. Das ist so noch nie vorgekommen.


Wie kontrollieren Sie die Qualität der Zementsäule?

CS: Wir haben mit Versuchssäulen ermittelt, wie hoch der Zementanteil sein muss, damit jede Säule die Anforderungen erfüllt. Wir haben auch die Baugrundschichten in 50-Zentimeter-Schritten genau untersucht. Wie viel sandiger Anteil? Wie gross muss der Säulendurchmesser in welcher Bodenschicht sein? Das Einzige, was wir am Ende oberirdisch sehen können, ist das Austrittsloch für den Spoil. Wie unsere Wand aus Zement und Erde geworden ist, wissen wir erst, wenn wir die Baugrube ausheben.


Herr Sion, Ihre liebste Stelle auf der Baustelle?

CS: Auch die Jetting-Arbeiten. Sie sind kompliziert, viele Parameter müssen kontrolliert werden. Für mich sind daneben die unterschiedlichen, parallel laufenden Arbeiten spannend. Man muss in jedem Bereich Fachwissen haben und genau und von Anfang an wissen, was wann passiert und was dafür benötigt wird. Die Arbeit ist technisch intensiv. Für jede Bauphase werden wir von Fachingenieuren im Büro unterstützt, die kommen regelmässig auf der Baustelle vorbei, auch weil das Projekt so speziell ist.


Wie sieht Ihr gemeinsamer Arbeitsalltag aus?

CM: Wichtig ist, dass wir uns jeden Tag austauschen. Wir haben beide durch die Projekte, die wir schon betreut haben, einen unterschiedlichen Erfahrungsschatz. Alle Abläufe sind ja genau überlegt und sie funktionieren. Wenn wir die Planung doch anpassen müssen, muss man sich die Zeit nehmen, das gut zu durchdenken und danach gemeinsam zu entscheiden. Unser Produkt sind die Bauarbeiten. Wir stellen sicher, dass korrekt nach Baukunst erstellt wird.


CS: Wir teilen uns alle Arbeiten, die in unseren Bereich gehören: Neben der Baubegleitung und Qualitätssicherung sind das Kostenkontrolle, die Abrechnung mit dem Unternehmer und die Baustellensicherheit. Seit Ende 2019 haben wir am Vorprojekt gearbeitet und die groben Linien festgelegt. 2020 folgten dann die Bauplanung und Ausschreibungsphase. Wir verstehen die Baupläne, kennen das Leistungsverzeichnis und den Vertrag vom ausführenden Unternehmer.


CM: Mit ihm müssen wir bestimmen: Wie kann er umsetzen, was wir bestellt haben? Wie kann er bauen, was wir wollen?


Christophe Sion ist Bauleiter Spezialtiefbau für das Projekt Guisanplatz 1, 2. Bauetappe. Der Ingenieur hat das Projekt von Anfang an geplant. Claudia Moser kam erst in der Ausführungsphase als zweite Bauleiterin dazu. Beide arbeiten beim Unternehmen B+S AG Ingenieure und Planer, Bern.

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D-Bulletin Nº 2 – 2021, Baustelleneinrichtung

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